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 © Eva S. Roth Okt. 2008

Von Kommunikations -
und Papiermessies


Endlich habe ich meine Einkommensteuererklärung fertig. Heute muss ich sie abgeben, letzter Termin. Aber ein Problem habe ich noch: Mir fehlt die Riesterbescheinigung von der Sparkasse. Ja, ich weiß, die schicken die immer schon Anfang des Jahres - ganz bestimmt hab ich sie bekommen. Nur bin ich - ich gestehe es - ein eingefleischter Papiermessie. Alles Papierartige, was den Weg vom Briefkasten in meine Wohnung findet, finde ich später garantiert nicht mehr - es taucht unter zwischen Stapeln von Versandhauskatalogen, Werbung von Auto-, Zahnzusatz- und Sterbeversicherungen, Rechnungen für ADAC, Telefon, Haftpflicht und Zahnarzt.

Also rufe ich heute in aller Frühe das Finanzamt an. Ich will um ein paar Tage Aufschub betteln, weil ich die fehlende Bescheinigung neu von der Sparkasse anfordern muss. Eine freundliche Stimme vom Band meldet sich: "Guten Tag. Hier ist die automatische Anrufannahme Ihres Finanzamtes.Sie erhalten nun von uns weitere Informationen, um Ihr gewünschtes Ziel schneller zu erreichen."
Schneller ist gut, denk ich, denn ich hab's eilig, will mit dem Zug in die Stadt.

Dann soll ich Zahlen eintippen, um weiter verbunden werden zu können. Aber die Optionen passen alle nicht für mich:
"Wenn Sie allgemeine Fragen haben oder Ihren Steuerbezirk nicht wissen, dann wählen Sie bitte die Eins. Wenn Sie Fragen zu Ihrer KFZ-Steuer haben, wählen Sie die Zwei. Wenn Sie Fragen zu Zahlungen auf Ihr Steuerkonto haben, wählen Sie die Drei."
Ich will meine persönliche Sachbearbeiterin sprechen, dafür gibt's keine Option - also entscheide ich mich etwas ratlos für die Eins.

Ich hänge in der Warteschleife. Jede Minute zählt. Nach neun Minuten wieder die freundliche Stimme: "Es sind leider alle Plätze belegt. Bitte rufen Sie zu einem späteren Zeitpunkt an." Ich krieg Wut. So geht das Finanzamt mit meiner Zeit um! Bei einem Stundensatz von, sagen wir, 30 Euro, sind das immerhin 4,50 Euro, die ich wegen deren Scheiß-Sprachcomputer nutzlos verplempert habe. Man sollte diesen Betrag glatt von der zu zahlenden Einkommensteuer abziehen!
Noch vorgestern hatte ich mit meiner Freundin über Sprachcomputer gelästert und dabei erwähnt, dass ja zumindest das Finanzamt noch persönlich erreichbar sei. Pustekuchen, ätsch!

Welche geheime Botschaft steckt wohl hinter diesen ausgeklügelten Sprachcomputersystemen, die fast nie zum Ziel führen? Zahl gefälligst deine Steuern/Handyrechnung, und ansonsten halt's Maul, reden wollen wir nicht mir dir.
Oder, z.B. bei Problemen mit neu erworbenen PC-Druckern (die so sicher auftreten wie das Amen in der Kirche): Dein Geld haben wir ja schon, blöder Kunde, also nerv nicht und lass uns in Ruhe, ja?

Also, das Finanzamt. Ich hole mir meine Klamotten aus dem Schlafzimmer zum Telefon, wähle erneut, selbe Ansage. Während die Musik der Warteschleife vor sich hin säuselt, ziehe ich mich an - Zeit gespart, in 30 Minuten fährt mein Zug! Als ich gerade mal ganz weit weg vom Telefon bin, meldet sich jemand. Ich rase hin und flieg' fast auf die Fresse. Die Dame gibt mir die Durchwahl meiner Sachbeabeiterin. Bis ich die dann persönlich am Draht habe, sind weitere 12 Minuten um. Ich bringe mein Anliegen vor.
"Nein, kein Aufschub möglich, Sie hatten genug Zeit, wenn Sie heute die Papiere nicht abgeben, müssen Sie Zwangsgeld zahlen. Die Riesterbescheinigung müssen Sie dann eben nachreichen."
Blöde Bürokratie, denke ich - die kann es ja doch erst bearbeiten, wenn alle Papiere beieinander sind - reine Schikane!
Aber es nützt nichts, ich muss umdisponieren, muss die Formulare unvollständig abgeben, und zwar heute!

Zurück vom Finanzamt, rufe ich die Riester-Sparkasse an. Und welch Wunder - es meldet sich eine Dame, direkt, ohne kompliziertes Sprachmenü, wo man alle möglichen Zahlen eintippen muss, um weiter verbunden zu werden, und dann nochmal Zahlen, und dann noch mal alles von vorne, weil man aus der Leitung geflogen ist.
Nein, eine echte, lebendige Person live am Apparat, und auch noch sehr nett. Das bin ich schon gar nicht mehr gewöhnt und bin ganz verdattert.
Ja, sie kann mir die Riesterbescheinigung nochmal schicken, kein Problem, dauert aber 'n paar Tage.
Warum sind eigentlich Mitarbeiter von Privatunternehmen oft viel zuvorkommender und hilfsbereiter als die von Ämtern und Behörden? Weil letztere sich vielleicht drauf verlassen, dass sie sowieso nicht rausfliegen, egal, wie sie sich benehmen?

Nach dem Telefonat bei der Riestersparkasse will ich es dann doch noch mal genau wissen. Wo, verdammt noch mal, könnte der gesuchte Wisch sein? - Den ganzen Sonntag hatte ich meine Wohnung durchwühlt - umsonst.
Ich schaue im Briefkasten. Manchmal lasse ich nämlich extra wichtige Papiere dort drin, um sie mir dann zu holen, wenn ich sie brauche. Die Wahlbenachrichtigung zum Beispiel. Aber nein, im Briefkasten ist der Wisch auch nicht.
Ich nehme mir den roten, übervollen Ablagekasten zum siebzehnten Mal vor. Nehme jedes Stück Papier einzeln in die Hand, lege es auf die Seite. Wenigstens mal den unnützen Kram ausmisten bei der Gelegenheit. Ein verschlossener Umschlag - schon wieder Werbung. Aber von wem? - Ich reiße den Umschlag auf, er enthält mehrere Blätter, unter anderem: Die Bescheinigung nach § 92 EStG zur Vorlage beim Finanzamt, betr. Riestersparvertrag.

© Eva S. Roth 10.10.2008

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10.10.08 09:52
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Uta Haas (17.8.09 16:21)
Hallo Eva,
sind sie sich absolut sicher, dass sie den Artikel mit der Steuererklärung selbst geschrieben haben?
Oder kennen sie etwa mich ganz genau, und ich weiß nichts davon???
Oder wir waren in unserem letzten Leben eineiige Zwillinge??
Wenn ich meiner besten Freundin dies zu lesen geben würde, würde die schwören, dass ich das geschrieben habe, und zwar von Anfang bis Ende.
Viele liebe Grüße von ihrem "Zwilling" im Geiste
Uta


(6.9.09 17:57)
Hallo Uta,

Danke für die positive und humorvolle Rückmeldung!

Liebe Grüße - und etwas weniger Stress bei der Steuererklärung - wünscht

Eva




Uta Haas (6.9.09 17:59)



Ingo Kleber / Website (9.3.10 02:02)
Hallo Eva,
auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe bin ich auf Ihre Seite gestoßen. Und habe soeben Ihre Kurzgeschichte mit herzhaftem Lachen gelesen - javascript:insertSmilie(''); wir sind nicht allein !!! Ganz genau so erlebe ich das auch, Tag für Tag. Es erleichtert ungemein, zu wissen, dass es "da draußen" noch andere Menschen gibt, denen es ebenso ergeht. Vielleicht finde ich ja auch in meiner Gegend eine Gruppe, in der mensch sich mal treffen kann - ich denke das würde mir sehr weiter helfen !
Alles gute und herzliche Grüße aus Mittelhessen sendet der Ingo

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